Impulsvortrag von Isabel Feifel, Programmleitung TUKI
Letzte Woche war ich im Theater, in der Schaubude, und habe, gemeinsam mit etwa 70 Kita-Kindern und ihren Erzieher*innen eine Inszenierung mit dem Titel „Ein Loch ist meistens rund“ gesehen. Zwei Spieler*innen nahmen das Publikum - ganz ohne Worte - mit auf eine magische Entdeckungsreise in die Welt der Löcher.
Im Publikum wurde viel gelacht, laut ausgesprochene „Ohs“,„Ohas“ und „Wows“ machten das Staunen der Kinder hörbar, das Bühnengeschehen wurde wiederholt auch diskutiert oder kommentiert „ich habe gesehen, wie es gemacht wird!“ und immer wieder war es ganz ganz still. (und das nicht, weil die Kinder dazu ermahnt wurden).
Ich liebe gute Inszenierungen für das ganz junge Publikum und ich liebe es, diese jungen Kinder beim Kindertheater sehen, zu beobachten. Sie sind ein fantastisches Publikum und dabei direkt und herausfordernd wie kein anderes. Mit ihnen Theater zu spielen ist es ebenso.
Ich erinnerte mich bei meinem Theaterbesuch auch an ein Projekt im Rahmen einer unserer TUKI Partnerschaften, eine Kita aus Neukölln und dem FELD Theater, in dem sich eine Theaterschaffende und ein Tänzer mit Kindern zwischen 3 und 5 Jahren über mehrere Monate mit dem Thema Löcher künstlerisch forschend auseinandersetzte.
Was ist ein Loch bzw. was ein Nicht-Loch überhaupt? Wo überall finden sie sich (Antwort: nahezu überall!)? Welche Eigenschaften haben sie (sehr spannende!)? Durch Löcher kann man zum Beispiel Sachen schicken oder stecken, wenn die Dinge und Löcher groß genug sind. Man kann mit dem Körper Löcher formen und daraus einen Lochtanz machen. Man kann durch ein Loch steigen und an einem anderen Ort herauskommen.
Die Inspiration, dieses Thema mit den Kindern theaterpädagogisch und künstlerisch zu bearbeiten, kam damals ebenfalls durch den Besuch eines Theaterstücks, „Schlupf“, für Kinder ab 3 Jahren.
Im TUKI Programm stehen das Theater-Machen und das Theater-Sehen gleichwertig nebeneinander. Wir arbeiten deshalb nicht nur mit Theaterschaffenden zusammen, sondern mit Spielstätten. Kulturelle Bildung findet bei TUKI in der Kita UND im Theater statt. In der Zusammenstellung unserer Partner-Theater spiegelt sich die Vielfalt der Berliner Kindertheaterlandschaft, was ihre künstlerische Handschrift, ihre Größe und geographische Lage, aber auch die Bedingungen betrifft, unter denen sie ihre herausragende Arbeit machen. Wir arbeiten seit vielen Jahren sowohl mit institutionell geförderten Häusern zusammen wie dem GRIPS und dem ATZE Musiktheater, wie auch mit Theatern, die eine Basis- oder Projektförderung erhalten bzw. bisher erhielten, wie dem Theater o.N. oder dem Fliegenden Theater – was ja leider, wie Sie sicher gehört haben, nun nicht mehr weitergefördert werden soll (in Kreuzberg gibt es dann kein Kindertheater mehr), oder dem Theater Jaro, das derzeit einen Zuschuss aus der bezirklichen Kulturförderung im KiA-Programm erhält, dem aber eine überproportionale Kürzung um mehr als 17% droht- , um ein paar Beispiele zu nennen. Vor allem letztere sind es, die so genannte „freie Szene“, die kleinen Theater und Solist*innen, die seit vielen Jahren ein vielfältiges Theaterangebot gerade für die Allerjüngsten in Berlin schaffen. – Und die derzeit allerdings auch am stärksten gefährdet sind.
Ein Programm wie TUKI, so wie die Kulturelle Bildung überhaupt, braucht diese vitale Kindertheaterszene, braucht professionelle auf diese Altersgruppe zugeschnittene Produktionen - und wir brauchen sie in der ganzen Stadt. Kita-Kinder kommen in der Regel wahnsinnig gerne ins Theater, aber sie stehen dabei oft vor Hürden. Werden die Wege zu weit oder ist die Personaldecke zu dünn, wird es mit Ausflügen schwierig. Die hohe Arbeitsbelastung von pädagogischen Fachkräften, die nahezu keine Arbeitszeit für Konzeption und Planung in ihrem Arbeitsalltag haben, verhindert oft, dass kulturelle Angebote gesichtet und selektiert werden können. Hier helfen die vermittelnden Abteilungen der Kindertheater und sie bauen langfristige Beziehungen in ihren Kiezen und zu ihrem Publikum auf.
Wir wissen, dass sich die gesellschaftliche Diversität in unseren Kulturinstitutionen noch viel zu wenig abbildet. Weder bei den Akteur*innen noch beim Publikum. Die Kindertheater, die ihre Arbeit sehr nah an der Lebensrealität und den Bedürfnissen ihrer Zielgruppen ausrichten, übernehmen hier eine große Verantwortung – auch für die Zukunft.
Für die jüngsten Mitglieder unserer Gesellschaft zu arbeiten, geht nicht ohne Empathie für diese Altersgruppe, geht nicht ohne große Offenheit und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, geht nicht ohne die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme. Nicht nur, aber auch in den Performativen Künsten erfahren diese Menschen, die diese wertvolle Arbeit tun, aber weniger Anerkennung und eine strukturelle Benachteiligung, die sich nicht nur, aber auch in niedrigeren Honoraren und Gehältern und geringeren Förderquoten ausdrückt.
Es ist leicht, an Kindern und ihren Rechten zu sparen – Kinder wählen nicht, sie haben kein Geld und kaum Lobby - und ihre Eltern sind oft zu sehr beschäftigt mit den Herausforderungen der Care- und Lohnarbeit in einer immer teurer werdenden Stadt, um sich politisch zu engagieren. Es ist auch leicht, an den Menschen zu sparen, die mit und für Kinder arbeiten, auch in den Künsten, denn sie identifizieren sich meist sehr mit ihrer Arbeit, finden sie sinnvoll und auch schön und sind dafür bereit, auf vieles zu verzichten. Aber auch hier gibt es Grenzen.
Wir sind bei TUKI mit vielen Theaterschaffenden im Kontakt, die sich mit großem Engagement und hohem Qualitätsanspruch dieser jungen Altersgruppe widmen. Wir sehen mit wachsender Sorge, wie groß die Unsicherheit und die existentiellen Ängste unter ihnen geworden sind, wir beobachten Abwanderung und Umorientierung. Fehlende Aufwüchse und Kürzungen – z.B. wurden die Töpfe für die 1- und 2jährige Basisförderung für Häuser sowie die Einzelprojektförderung seit 2022 nicht mehr erhöht - bei gleichzeitig steigenden Kosten führen zu immer enger werdenden Spielräumen für die Kindertheater, für die Kulturelle Bildung und ihre Akteur*innen – diese Situation verschärft sich auch durch die überproportionalen Kürzungen im Bereich der Kulturellen Bildung der SenBJF im Einzelplan 10.
Wir sehen bei TUKI aber auch die ungebrochene Begeisterung der Kitas und Kita-Kinder für das Theater, für die Horizonterweiterung und positiven Emotionen, die sie damit verbinden. Wir sehen den großen Bedarf an Theatererfahrungen, gerade in einer von Bildschirmen, Digitalisierung und gesellschaftlicher Fragmentierung geprägten Kindheit. Im Theater erfahren die Kinder eine Menge, was sie für ihr Leben brauchen, was wir als Gesellschaft für ein für alle lebenswertes Morgen brauchen.
Ich möchte an dieser Stelle frei aus dem Buch „Erziehung prägt Gesinnung“ des renommierten Kinderarztes und Wissenschaftlers Herbert- Renz Polster zitieren:
Unser aller Geschichte beginnt dort, wo wir klein und abhängig sind. Aber nicht nur das: in der Kindheit bildet sich der „seelische Maßstab“, der darüber entscheidet, mit welcher Gesinnung wir später durchs Leben gehen. In der Kindheit erfahren wir, worum es unter Menschen und im Leben geht. Geht es um Macht und Überlegenheit? Oder geht es um Vertrauen und Zusammenarbeit?
Warum diese Fragen, „Fragen der Gesinnung“, gerade heute von größter Relevanz sind, bedarf sicher keiner weiteren Erläuterung.
Das Themenspektrum des Kindertheaters berührt Fragen von sozialem Zusammenhalt, von Werten, Inklusion, Meinungsvielfalt, Nachhaltigkeit - es zeigt kreative Lösungen für Probleme, es sucht nach den Dingen, die uns alle als Menschen verbinden. In hoher künstlerischer Qualität umgesetzt, leistet es einen konkreten und wichtigen Beitrag für mehr Bildungsgerechtigkeit und stellt Weichen für gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe.
Ein Loch kann klein sein. Ein Loch kann den Blick freigeben, durch ein Loch kann das Sonnenlicht in ein Zimmer fallen. Aber durch ein Loch in der Hosentasche oder gar viele Löcher im Haushalt kann viel verloren gehen, unwiederbringlich.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!