Impulsvortrag von Ania Michaelis, freie Regisseurin
Vielen Dank für die Einladung. Mein Name ist Ania Michaelis. Ich bin Regisseurin. Anfang der 2000er Jahre habe ich das Kinder- und Jugendtheater für mich entdeckt und bin seitdem zu einer Aktivistin im Theater für junges Publikum geworden.
Ich spreche zu Ihnen mit Leidenschaft für das utopische Potential, das der Kunst für junges Publikum innewohnt – und aus der Überzeugung, dass öffentliche Räume Orte gesellschaftlicher Verantwortung sind. Theater für junge Menschen repräsentiert nicht bloß die Zukunft – es greift gestaltend in sie hinein.
Mein Plädoyer gilt dem Theater für alle – von Anfang an. Denn Kinder, die mit Theater aufwachsen, lernen eine Sache: die Perspektive zu wechseln. Sie lernen, dass unsere Beschreibung der Welt immer auch eine Frage des Standpunkts ist.
Kinder im Theater
Theater für die Jüngsten zu machen ist besonders. Die Erwartungshaltung dieser Zuschauer:innen folgt keiner Konvention. Sie sind extrem offen und neugierig. Sie kennen keine Ironie, keinen Zynismus. Ihr Geschäft ist die Welterkundung – und diesem Geschäft gehen sie mit unbedingter Seriosität nach.
Kinder leben keine Kindheit – sie leben ihr Leben. Und dieses Leben ist kein Paradies, das Erwachsene verwalten oder instrumentalisieren. Kinder leben jetzt. Und das Theater mit seiner Gleichzeitigkeit ist ein Ort, der dieses Leben spiegelt und ergänzt.
Für viele Kinder ist der Theaterbesuch die erste Begegnung mit Kunst überhaupt. Kunst ist das, was in den Brüchen, in den Lücken passiert. Das Unfassbare, Rätselhafte, das Plötzliche, das, was sich nicht einfach erklären lässt. Und dieses ETWAS spüren wir alle, gleichgültig wie alt wir sind.
Wenn wir sehr jung sind, wird so viel von uns erwartet: rechtzeitig auf die Toilette gehen, Messer und Gabel erst einmal nicht und dann richtig benutzen, höflich sein, nicht schreien, Spielzeug abgeben, teilen.
Kinder kennen auch das wilde Andere: Geister, Gespenster, ungeborene Geschwister, unbändiges Lachen, Schmerz, die Furcht vor Einsamkeit. Im Theater darf all das leben. Es ist eine Verheißung auf Sprache, auf Komplexität, auf Erfahrung durch Spiel. Wer das miterlebt, erfährt: Ich gehöre dazu – zur Welt mit ihrem Licht und ihrem Schatten.
Theater als öffentlicher Raum und Demokratie
Theater ist ein öffentlicher Raum, in dem wir gemeinsam konzentriert sind: Kinder, Erwachsene, Künstler:innen. Wir sehen dasselbe – aber wir verstehen es unterschiedlich. Hannah Arendt nennt das Theater eine Schule des Urteilens. Wer Urteilen lernt, der fühlt sich zu Hause in der Demokratie.
Kitagruppen und Schulklassen kommen gemeinsam ins Theater. Bei uns sitzen die diversesten Publika der Stadt: Kinder mit unterschiedlichsten Hintergründen, Kinder mit Behinderungen, Kinder aus allen Milieus. Wir arbeiten mit verschiedenen Communities, wir produzieren Stücke für Kinder, die blind sind, taub sind oder neurodivers. Dort, wo Barrieren fallen, wächst Teilhabe – und wächst Demokratie.
Arbeitsweise und Strukturen
Damit das möglich bleibt, braucht es Strukturen, Zeit und angemessene Ressourcen. Ein Missverständnis, dem ich bei Politiker:innen oft begegne, ist die Annahme: Eine Inszenierung für Kinder, zumal für sehr junge Kinder, bräuchte weniger Mittel als eine Inszenierung für Erwachsene. Dem widerspreche ich entschieden.
In der Arbeit für Kinder stehen die Publika im Zentrum. Wenn ich ein Stück erarbeite, das Kita-Kinder in Neukölln, Moabit, Marzahn oder Prenzlauer Berg erreichen soll, dann muss ich ihre Lebenswelten kennenlernen. Meistens gibt es keine Stückvorlage – ich entwickle also neue Stoffe. Und wenn ich Künstler:innen aus bestimmten Communities einbeziehe, dann ist es für sie oft das erste Mal, für sehr junge Kinder zu performen. Das muss geübt und ausprobiert werden.
Kinder reagieren unmittelbar. Eine Fliege im Raum kann Heiterkeitswellen auslösen – und die Performer:innen müssen damit umgehen. Deshalb laden wir Kita-Gruppen zu Proben ein. Wir prüfen, ob das, was wir Erwachsenen uns ausgedacht haben, bei den Kindern Resonanz findet.
Gleichzeitig inszeniere ich immer auch für das erwachsene Begleitpublikum mit. Denn während die jungen Kinder ohne Erwartungen kommen, haben die Erwachsenen durchaus bestimmte Vorstellungen. Diese können von ihrem pädagogischen Auftrag geprägt sein, von Erinnerungen oder von Annahmen, wie Kinder rezipieren. Meine Inszenierungen richten sich daher immer an Beziehungskonstellationen. Das ist komplex und verlangt Sorgfalt.
Wirkung
Kindertheaterstücke können lange im Repertoire bleiben. Meine Inszenierung FUNKELDUNKEL Lichtgedicht feierte 2008 in Dresden Premiere und ist noch immer im Programm. Neulich begegnete ich einer jungen Mutter, die mit ihrer zweijährigen Tochter die Vorstellung besuchte – sie selbst hatte 2008 als Vierjährige mit diesem Stück das Theater lieben gelernt.
Appell
Theater für die Allerjüngsten ist kein Luxus. Es ist Grundlage. Es eröffnet den Kindern einen Raum, in dem sie lernen: Die Welt ist größer, als das, was sich zählen und ordnen lässt. Und: Die Welt ist veränderbar.
Kinder, die diese Erfahrung machen dürfen, erfahren sich selbst als handlungsmächtig. Sie werden neugierig und tatkräftig dabei sein, wenn es gilt, für die demokratische Welt in ihrer Vielfältigkeit zu kämpfen.
Diese Verantwortung tragen wir als Künstler:innen. Und Sie, in der Politik, tragen die Verantwortung, die Bedingungen dafür zu sichern.